Interview mit Angelina Maccarone zum Filmstart „Fremde Haut“ (2009)

DVD Fremde HautWie entstand die Idee zu „Fremde Haut“?
Kamerafrau Judith Kaufmann und ich kennen uns schon lange durch unsere gemeinsame Arbeit und wollten etwas zusammen entwickeln. Wir haben uns überlegt, was uns umtreibt, das war schon 1998. Es kamen verschiedene Themenfelder zusammen. Eines davon war Identität. Woraus setzt sie sich zusammen, was sind identitätsstiftende Merkmale? Das zweite war eine politische Geschichte im Umgang mit dem Asylrecht in Deutschland und drittens die Frage, was ist „männlich“, was ist „weiblich“. Wobei dies in den Identitäts-Komplex hineinreicht.

Was reizte Sie besonders an dieser Geschichte?
Dass die junge Frau nicht nur ins äußere Exil muss, sondern zusätzlich in ein inneres, nämlich in eine Männerrolle schlüpfen. Also dieser Switch von Frau zu Mann. Sie muss ihre Sexualität, wegen der sie alles verloren hat, leugnen und trifft ausgerechnet in der männlichen Rolle eine neue Liebe. Ein weiterer Reiz lag darin, die Verhältnisse umzudrehen. Da geistert die Vorstellung in unseren europäischen Köpfen herum, die Leute wandern aus der armen Provinz in das tolle Deutschland. Wir dagegen erzählen von einem Menschen aus einer lebendigen Metropole und Kultur, der glaubt, in Deutschland sei alles westlich, frei und offen und dann in der schwäbischen Provinz strandet. Uns interessierte das Auf-den-Kopf-Stellen von Erwartungen.

Was wussten Sie über Asylverfahren und die Problematik eines solchen Falles?
Es gibt diesen konkreten Fall nicht, aber lesbische Liebe im Iran. Ich habe mir tonnenweise Material besorgt. Wir mussten in den sechs Jahren immer wieder nachrecherchieren, weil sich die Gegebenheiten schnell verändern. Zusätzlich sind wir durch die Provinz gefahren, haben uns Asylbewerberheime angeschaut und mit Leuten gesprochen, Betreibern und Bewohnern. Ich habe auch mit lesbischen Iranerinnen Kontakt aufgenommen. Die erste Antwort heißt immer, so etwas gibt es im Iran nicht. Es war schwierig, jemanden zu finden, der offen über das Tabuthema sprach.

Steht auf lesbischer Liebe im Iran die Todesstrafe?
Die ist im Gesetz verankert. Aber die Verfolgung läuft meistens anders. Homosexualität gilt als krank. In einem Fall sollen zwei Mädchen erwischt worden sein, die noch zur Schule gingen. Sie wurden in Schulen anderer Bezirke geschickt und durften sich nicht mehr sehen. Manchmal verschwinden Menschen auch spurlos. Eine Schauspielerin und ihre Lebensgefährtin, sollen unter mysteriösen Umständen vergast in einem Keller gefunden worden sein. Das ist alles nicht offiziell oder verifiziert, sondern das erfährt man hinter vorgehaltener Hand.

Wie beurteilen Sie dagegen die Situation in Deutschland?
Mich interessiert die Normierung als Thema, die Absurdität der Norm. In Deutschland muss man ein Coming out haben und alles öffentlich machen, nur weil jemand von der „Sexualnorm“ abweicht. Foucault nennt das Geständniskultur. Sex bleibt kein Geheimnis mehr. Ich finde den Versuch falsch, als sogenannte Randgruppe sich dem zu beugen und alles zu erklären, oder sich vereinnahmen zu lassen – wie durch die Homo-Ehe.

Die Frauen sind in „Fremde Haut“ stärker als die Männer.
Ich finde Frauen sind sehr stark, aber nicht stärker als Männer. Da die Hauptfiguren bei mir weiblich sind, sind sie per se stark. Wir möchten, dass der Zuschauer die Protagonistin begleitet, mit ihr fühlt und sich ihre Perspektive zu eigen macht. Da ist sie natürlich die Starke, zumal sie noch eine Frau liebt und sich mit einem männlichen Konkurrenten auseinandersetzen muss.

Wie haben Sie die Liebesszene zwischen Jasmin Tabatabai und Anneke Kim Sarnau vorbereitet und gedreht?
Ich überlege mir lange vorher, wo platziere ich die im Drehplan. Nicht am Anfang, aber auch nicht ganz am Schluss, weil ich nicht weiß, verstehen sich die beiden dann noch. Man muss sich sehr viel Zeit nehmen. Judith und ich sind die Szene mit den beiden durchgegangen. Schauspielerinnen befürchten heutzutage zurecht, dem Trend folgen und alles zeigen zu müssen. Das ist ein Problem. Ich versuche, möglichst eine ruhige und entspannte Atmosphäre zu schaffen. Wer nicht unbedingt dabei sein muss, bleibt draußen. Die Szene spielt zwar zwischen zwei Frauen, aber zwischen Mann und Frau ist es auch nicht leichter. Wichtig sind ein „Sich-Verstehen“, Professionalität und Offenheit. An mir liegt es, für die Voraussetzungen zu sorgen, in denen Schauspieler sich öffnen und ihre Gefühle sichtbar machen können.

Inwieweit konnte Ihnen Jasmin Tabatabai Tipps zum Thema Iran geben?
Nach dem Casting haben wir uns in Abständen getroffen, sie hat ihre Kritik am Buch geäußert und bestimmte persönliche Erfahrungen mit iranischer Kultur eingebracht, auch die Übersetzung gemacht. Gemeinsam mit Navid Akhavan, dem Siamak, hat sie die Dialoge auf Farsi bearbeitet. Aber auch abgesehen von diesem wertvollen Vorteil, dass Jasmin im Iran aufgewachsen ist, war sie unsere absolute Wunschbesetzung.

Wie arbeiten Sie mit den Schauspielern? Erlauben Sie auch Improvisation oder bestehen Sie auf der Drehbuchvorlage
Für mich ist wichtig, erst einmal auszuloten, welche Gemeinsamkeiten existieren. Wie betrachten wir die Figuren, wie verstehen wir uns. Das muss nicht Sympathie fürs Leben sein, aber doch eine gemeinsame Sprache. Man muss wissen, wir können kommunizieren. Als die Besetzung feststand, habe ich Jasmin Tabatabai, Anneke Kim Sarnau und Hinnerk Schönemann trotzdem noch mal zu einem Casting eingeladen, um zu sehen, ob die Chemie stimmt. Wir haben sehr viel geprobt und während dieser Proben gab es die Möglichkeit zum Improvisieren, wobei wir dann oftmals wieder zu den ursprünglichen Texten zurückgekehrt sind. Es ging darum, den emotionalen Bogen zu erfassen. Wir haben die Proben auf DV aufgenommen, gefiltert und Szenen auch noch mal überarbeitet.

Erklären Sie den Kniff mit den Briefen. Welche Funktion haben sie?
Als Figur muss Fariba ab einem bestimmten Punkt schweigen, will sie sich nicht durch die Stimme verraten oder durch Indizien in Gefahr bringen. Wir wollten ihr eine Stimme verleihen und eine Brechung hineinbringen, dadurch, dass sie sich nicht ihren eigenen Eltern mitteilt, was sie nicht darf, sondern als Figur Siamak ihre Eindrücke in der Camouflage an seine Eltern schreibt. Sie schildert Dinge und Stationen – am Anfang verschönt sie ihre Wirklichkeit in Deutschland, später erzählt sie von der Arbeit und davon, wie sie Anne kennenlernt. In diesem Raum kann sie mit ihrer inneren Stimme Gefühle verbalisieren.

Sie verzichten auf Schwarzweiß-Malerei, zeigen deutsche Grenzbeamten von einer menschlichen Seite
Das fand ich wichtig, das entspricht der Realität. Die Grenzbeamten sind keine Monster. Selbst der BGS-Beamte im Verhör bietet ihr eine Zigarette an. Der ist nett, zieht aber seine Sache knallhart durch. Sie tun eben ihre Pflicht.

Was war der schönste Moment?
Ich erinnere mich an viele schöne Momente, immer wenn eine emotionale Szene funktionierte. Als der letzte Take der letzten Einstellung gedreht wurde, das Begräbnis von Siamak, haben wir fast alle geheult. Ein trauriger und gleichzeitig befreiender Moment. Wussten wir doch, wir haben es geschafft.

Das Ende bleibt in der Schwebe. Warum kein „Happy End“ wenigstens in der Hinsicht, dass Fariba in Deutschland bleiben kann
Das hätte die zynische Botschaft transportiert, du musst nur schlau genug sein, dann schaffst du es hier. Wir bastelten an verschiedensten Versionen – vom „Happy End“ mit und ohne Anne bis hin zur größten Tragik. Schließlich haben wir uns entschieden, realistisch zu zeigen, dass dieses System beim kleinsten Fehler unerbittlich greift. Gleichzeitig wollen wir Mut machen, trotzdem weiter zu kämpfen, und auch in schwierigen Zeiten nicht aufzugeben. Die Hoffnung ist ein wichtiges Prinzip.

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