Ritual for the Whores

conceived by Annie Sprinkle with Beth Stephens Dedicated to Timi Stüttgen, Post Porn Politics Whore.

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Ritual for the Whores

mit
Daniel Cremer, Margarita Tsomou, Marissa Lobo, Verena Reygers, Maria F Dolores, Liad Land, Carol Leigh AKA Scarlot Harlot, Kristina Marlen, Undine de Rivière
 Kay Garnellen, Sadie Lune, Dana von Schwedendorf, Harvey Rabbit

Cinematography
Claudia Richarz, Maria Hemmleb, Hermine Huntgeburth, Carol Leigh

Editing
Jeff Coons, Andreas Zitzmann

Documentary by
Ulrike Zimmermann, Claudia Richarz

Vom 8. bis 10. August 2014 fand auf dem internationalen Sommerfestival Kampnagel in Hamburg der Kongress “Fantasies that matter: Images of Sexwork in Media and Art” statt. Im Rahmen dieses Kongresses, der von Eike Wittrock und Margarita Tsomou konzipiert wurde, ist auch Annie Sprinkle mit mehreren Beiträgen vertreten gewesen.

Wir haben diese Auftritte dokumentiert:

Ritual for the Whores (22 min)
Bosom Ballett (6 min)
Annies life and work as a metamorphosexual sex worker (50 min)

Im Rahmen der Konferenz: “Fantasies that matter. Images of Sexwork in Media and Art“:


“Was erzählt das Bild, das sich die Gesellschaft von Sexarbeit macht, über ihr Verhältnis zu Frauenarbeit, Sexualität und Sexualmoral, Gender, Migration und Armut?”. Diese Frage stellte sich die Konferenz “Fantasies that matter. Images of Sexwork in Media and Art”, die vom MISSY-Magazine in Zusammenarbeit mit dem Internationalen Sommerfestival des Kampnagel im August 2014 in Hamburg stattfand. Stargast der Konferenz war zweifelsohne: Annie Sprinkle.

Die US-Amerikanerin mit dem gebürtigen Namen Ellen Steinberg ist Pionierin im Kampf um die Rechte von Sexarbeiter*innen. Annie Sprinkle ist Hure, Pornodarstellerin, Performancekünstlerin, politische Aktivistin, sex educator, Filmemacherin und sexpositive Feministin – das meiste davon seit über 40 Jahren. Ulrike Zimmermann und Claudia Richarz waren bei der Konferenz dabei und haben die drei Auftritte Annie Sprinkles dokumentiert. Das Ausgangsmaterial der Performances haben sie dabei weitgehend für sich stehen lassen, und auf Kommentare oder filmische Eingriffe verzichtet – und wer Annie Sprinkle in diesen äußerst spannenden Performance-Filmen erlebt, weiß auch, weshalb das perfekt funktioniert: Sprinkle ist ihre eigene Show.

In Ritual for the Whores schließlich sitzen wir zwar erneut im Publikum, sind aber auch bei den Vorbereitungen zu einer von Annie Sprinkle angeleiteten Gruppenperformance dabei, eben einem “Ritual für Huren”. 15 sind es an der Zahl, und jede von ihnen wird später auf der Bühne ihren Titel erklären und performen. Kay Garnellen, Schauspieler und Transgender-Sexworker als “Outsider Whore”, Kuratorin Margarita Tsomou als “Climbing Whore”, die eine Leiter besteigt und sich an ihr räkelt, die Performance-Künstlerin Liad Hussein Kantorowicz als “Mourning Whore” und natürlich Sprinkle selbst als “Ecosexual Whore Madam”, die mit einem Berg Erde performen wird. Daneben Sadie Lune, Daniel Cremer, Undine de Rivière und andere. Am Ende des orgiastischen Treibens singt Taboran Waxman ein Lied, doch besonders spannend ist am dritten Film von Ulrike Zimmermann und Claudia Richarz eigentlich das, was davor passiert: die unscripted performances vor der Kamera sozusagen.

Da gibt es diese wunderbare Szene zu Beginn, als Annie Sprinkle mit ihrem Rollkoffer über das sommerliche Gelände des Kampnagel zu den Proben spaziert und dabei mit Margarita Tsomou eine Diskussion über den Begriff “sex worker” beginnt. Ob sie diese Bezeichnung auch für sich benutzen würde, will Sprinkle wissen. Tsomou hadert, weil sie sich den Begriff nicht aneignen will, Sprinkle plädiert aber dafür, ihn nicht nur auf das Arbeitsfeld der Prostitution zu beschränken, sondern weiter zu fassen, und viele Bereiche von erotischer und sexueller Arbeit unter dem Mantel der “sex work” zu subsumieren: “We need some hardcore movement for this war on whore”. Je mehr sex worker es gibt, desto größer eben die Bewegung. Die ersten Huren warten dabei schon im Proberaum. Sprinkle, die liebevolle Mutter der Junghuren, begrüßt sie und drückt wieder einmal strahlend ihre Freude und ihren Stolz aus. Die Vorbereitungen können beginnen.

Später dann eine weitere wunderbare Szene, als ein Fotograf mit dem Gestus und der Sprache eines high end fashion photographers Annie Sprinkle, der Frau, die seit Jahrzehnten Eigenregie führt, Anweisungen gibt, und ihr sagt, wie sie zu gucken habe. Zimmermann und Richarz begleiten Sprinkle hier im Stil des Direct Cinema, also als quasi unsichtbare Beobachterinnen, und fangen dabei fernab der Bühnenbilder noch einmal sehr intime und oft auch witzige Momente ein, die der großen Performance voraus gehen.

Dann wieder Sprinkle vor Publikum: “We have some incredible whores here who will try to create some whore magic for us tonight”. Begeisterte Rufe und raschelnder Applaus folgen. Die Kamera ist diesmal agiler, nimmt uns mit in den Kreis der Huren, die händehaltend ihr Ritual beginnen, schaut neugierig den Performer*innen bei ihrem Treiben zu. Die Statements richten sich gegen Kolonialisierung, Diskriminierung, Illegalisierung und Gewalt gegen Sexarbeiter*innen. Das Feld ist so weit wie die Performances unterschiedlich sind: es wird getanzt, sich mit Öl eingerieben, meditiert, masturbiert und gefistet. Am Ende eine Verbeugung, hinter den Kulissen ein kollektiver Kreis. Das Ritual, im Film als Begegnung und Ereignis für immer festgehalten, ist zu Ende, aber: a whore’s work is never done. Die Kämpfe und Rituale müssen weitergehen, genauso wie der Aktivismus und die Metamorphosen der Annie Sprinkle.

(Toby Ashraf)

Bosom Ballet

Zur Eröffnung der Konferenz lässt Annie Sprinkle mal wieder ihre Brüste tanzen. Ihr Bosom Ballet ist mittlerweile eine ihrer bekanntesten Performances geworden, doch bevor ein beherzter und viel erprobter Griff ins Dekolleté die circa einmütige Show beginnen lässt, hat Annie Sprinkle noch einiges zu sagen. Der Applaus ist frenetisch, als die Kurator*innen Eike Wittrock und Margarita Tsomou sie auf die Bühne holen. Ihr Aussehen ist längst zum Markenzeichen geworden: im tiefausgeschnittenen lila Abendkleid, das den großen Busen betont, mit langen, feuerroten Haaren und burlesken Federteilen darin und in schwarzen, ellbogenlangen Handschuhen, steht Annie Sprinkle vor ihrem Publikum: “Guten Abend meine Damen und Herren, and everything else especially!”